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Das Gold des Herkules – Der Dresdner Zwinger als Orangerie

Der Dresdner Zwinger ist als Ort prachtvoller höfischer Festlichkeiten und als Hort der Kunstsammlungen August des Starken bekannt. Weniger bekannt ist der Wunsch August des Starken nach einer Orangerie für die goldenen Äpfel der Hesperiden, der Töchter des Abendsterns und der Nacht.

Seit dem 14. Jahrhundert brachte man alle Zitrusfrüchte, insbesondere die goldfarbenen Pomeranzen, mit den antiken Erzählungen von einem Göttergarten, in dem märchenhafte goldene Früchte gedeihen, in Verbindung. Zitrusfrüchte galten als Zeichen des Gedeihens und des Glücks, als Sinnbild eines Goldenen Zeitalters, als Versprechen des Paradieses auf Erden. Daher schien kein Aufwand zu groß, die kostbaren Orangenbäume auch im Norden zu kultivieren und den Wärme liebenden Pflanzen die prächtigsten Winterquartiere zu errichten.

Wie August der Starke diese Orangenbäume gemeinsam mit der Herkulessage zur Darstellung seiner Person wie seiner Macht zu nutzen verstand, wie vielschichtig die Ausdeutung des antiken Mythos im Barock war und wie sich die unterschiedlichen Deutungen bis ins ausgehende 19. Jahrhundert hinein weiterentwickelt haben, davon erzählen wir Ihnen auf diesen Seiten.

Schon Alexander der Große setzte die mythische Figur des Helden Herakles als Vorbild eines guten Herrschers ein und ließ sich mit Löwenfell und Keule auf Münzen abbilden. Er verband als Erster die bald untrennbaren Eigenschaften Fürst und Held. Der griechische Herakles wandelte sich zum römischen Herkules und schließlich zum Herkules Germanicus oder Saxonicus.

Sein Bild verwenden seit dem 16. Jahrhundert die Medici, die Habsburger, die Bourbonen und viele andere Herrscherhäuser, um den eigenen Ruhm zu steigern. Dabei bekommt die letzte der zwölf herkulischen Heldentaten, der Raub der Hesperidenäpfel, besondere Bedeutung, weil Herakles durch sie Unsterblichkeit erlangte und in den Götterhimmel aufstieg.

Herakles, Sohn des Göttervaters Zeus und der Königin von Theben - Alkmene, musste sich in den Dienst des Königs Eurystheus von Mykene stellen, als Sühne für seinen im Wahn begangenen Mord an Frau und Kindern. Trotz der übermenschlichen Kräfte, die sein himmlischer Vater ihm verliehen hatte, musste er dienen und dulden. Als Wohltäter befreite er die Menschheit von Ungeheuern und Plagen, bis er zum meist verehrten Helden der griechischen und römischen Götterwelt aufstieg: Sein Weg führte durch Leiden zur Erlösung.

Eurystheus stellt Herakles immer schwerere Aufgaben. Als letzte Tat soll er ihm die Äpfel der Hesperiden bringen, ein Wunsch, der als unerfüllbar galt: Schon den Weg zum geheimnisvollen Garten zu finden, war ohne göttlichen Rat und Zustimmung unmöglich. Prometheus riet dem Herakles, nicht selbst in den Garten einzudringen, sondern den Riesen Atlas darum zu bitten. Atlas, ein Verwandter der Hesperiden, war dazu bereit und lastete Herakles solange das Himmelsgewölbe auf. Als er mit den Äpfeln zurückkehrte, wollte Atlas den Himmel nicht wieder schultern. Herakles jedoch überlistete den Riesen und eilte mit den goldenen Früchten zurück in die Welt der Menschen.

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Die Sagen der griechischen Antike erwähnen wiederholt goldene Früchte: Sie reifen an einem Baum, den Erdmutter Gaia dem höchsten Götterpaar zur Hochzeit geschenkt hatte. Weltenherrscher Zeus und seine Gemahlin Hera beschlossen, die kostbare Gabe in den Göttergarten bringen zu lassen, wo der Baum von einer Schlange bewacht und von den Hesperiden, Töchtern des Abendsterns und der Nacht, gepflegt werden sollte. Der Weg zu diesem an den Urwassern der Welt gelegenen Garten war nur wenigen uralten Fabelwesen bekannt und für Sterbliche todbringend.

Nach orientalischem Vorbild beschrieb die antike griechische Literatur die göttliche Gartenlandschaft als ‚Paradies’, in dem die Götter zwischen Schatten spendenden Bäumen und sprudelnden Quellen lustwandelten, begleitet von Blütenduft und Vogelgesang.

Anders als im biblischen Paradiesgarten, wo der Verzehr der Früchte vom Baum der Erkenntnis Vertreibung und Tod zur Folge hatte, bedeutete der Besitz der goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden Unsterblichkeit, ewige Jugend und Fruchtbarkeit.

Doch säten auch diese Äpfel Verderben: Eris, die Göttin der Zwietracht, brach hier die Frucht, die Paris der Venus reichte, da sie ihm die schönste Frau der Welt versprochen hatte: Helena. Der Apfel löste den verheerenden Krieg um Troja aus.

Fast 200 Jahre, von 1709 bis 1880, beherbergte der Dresdner Zwinger eine der herausragendsten Orangerien in Europa. Ende des 18. Jahrhunderts besaß die "sächsisch kurfürstliche Orangerie" mehr als 30 verschiedene Sorten der Gattung „Citrus“, die August der Starke zum Teil selbst auf Messen erworben hatte. Während der Sommermonate belebten die Pflanzen den Innenhof des Zwingers und in den kalten Jahreszeiten die Galerien. Im Winter standen sie ab 1728 in den Orangeriegebäuden des nahe gelegenen Herzogin Gartens. Man schätzte sie wegen ihrer Besonderheit, als immergrüne Pflanzen ganzjährig zur gleichen Zeit strahlende Blüten und leuchtende Früchte zu tragen. Die Früchte fanden in der Hofküche als Speisewürze sowie als Tisch- und Festdekoration Verwendung.

Der Begriff „Orangerie“

Zunächst verstand man unter Orangerie nur die Sammlung von Orangen- und Zitrusbäumen und bezeichnete damit den Ort, an dem die Pflanzen im Freien aufgestellt waren. Bald aber wandte man den Begriff auch für die besonderen Bauten an, die für die Überwinterung der Gewächse nötig waren. Vor allem die großen Glasfronten und das geschlossene Dach galten als Merkmal dieser speziellen Bauten.

Der Ursprung des Dresdner Zwingers liegt in einer der Leidenschaften August des Starken für seltene südländische Gewächse. Für seine umfangreiche Orangensammlung ließ er ab 1709 auf dem Gelände des Zwingergartens eine baukünstlerisch außergewöhnliche, mit Skulpturen geschmückte Orangerie errichten, die der Barockbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann nach seinen Vorstellungen gestaltete. Anfänglich ließ Pöppelmann eine dreistöckige, im Halbrund gemauerte Terrassenanlage errichten, ersetzte diese aber alsbald durch Galerietrakte aus Sandstein mit flachen Holzbalkendecken: So konnte man die Orangenbäume auch im Winter kultivieren. Auf Wunsch August des Starken kombinierte er die Orangerieräume geschickt mit Torbauten, Festsälen und Pavillons und schuf so einen einzigartigen Tribünenplatz für die aufwändige Festkultur zur Selbstdarstellung des Kurfürsten. Im Jahr 1728 stellte Pöppelmann den Ausbau der Zwingergebäude fertig: In den Galerien und Erdgeschossräumen der Pavillons war nun Platz für die königlichen Kunstsammlungen.

Nach nur 18 Jahren gaben die Orangeriegebäude im Zwingergarten ihre Aufgabe als Winterunterkünfte an den Herzogin Garten ab. Dennoch besaß die Zitruskultur im Zwingerhof noch eineinhalb Jahrhunderte eine große Bedeutung.

Um 1720 flammte eine europaweite Sammelleidenschaft für Zitruspflanzen auf - das „Orangenfieber“. Es ergriff auch August den Starken: Der Pflanzenbestand des königlichen Hauses in Dresden wuchs auf 1.159 Orangen- und Zitrusgewächse sowie weitere botanische Kostbarkeiten. Wegen dieser wertvollen Pflanzen stand die Zwingerorangerie mit an erster Stelle der sächsischen Hofgärten – nicht zuletzt ein Verdienst der königlichen Gärtner. Zwinger und Herzogin Garten erblühten zu einer der schönsten Orangerien Deutschlands: Sommers zierten unzählige Orangenbäume das Parterre sowie die Konsolen der Bogengalerien, winters die Galerien des Zwingers.

Zwar wechselten im Laufe der Zeit Anzahl und Aufstellungsform der Pflanzen, je nach Interesse und Finanzlage des gerade regierenden Fürsten, doch bis 1880 war die gesamte Hoffläche des Zwingers in den Sommermonaten den alleeweise aufgestellten Orangenbäumen vorbehalten und es gab keine einschneidenden gärtnerischen Umgestaltungen. Erst als die Dresdner Bürger den Zwingerhof so stark nutzten, dass die Bäume darunter litten, gab man die Dresdner Orangerie auf und siedelte die Bäume in die Schlossgärten von Pillnitz und Großsedlitz um.

Im Zeitalter des Absolutismus (etwa 1648-1789) galten Herrscher als bedeutend, wenn sie ihre Macht augenfällig darstellten. Dafür standen einem Fürsten vielfältige Instrumente zur Verfügung: Prunkschlösser, Lusthäuser in aufwändigen Gärten, ein großer Hofstaat mit entsprechendem Zeremoniell oder Kunst- und Preziosensammlungen.

August der Starke beherrschte jedes dieser Instrumente, meisterhaft jedoch waren seine öffentlichen Festlichkeiten. In ihnen feierte er großmachtpolitische Anlässe und inszenierte sich als Fürst im Zentrum der Macht. Eigens für die Feste ließ er den Dresdner Zwinger zu einer Art „Stadion“ erweitern. Damit die Festlichkeiten und ihr Anlass weitreichende Wirkung zeitigten, gebot August, sie in Kupfer zu stechen und an andere Fürstenhöfe zu senden.

Der sächsische Kurfürst Friedrich August I., genannt August der Starke (1670-1733) errang im September 1697 in Krakau seine Krönung als König von Polen und Großherzog von Litauen. Sein Thronname: August II. Zu dieser Personalunion kam 1711 noch ein weiteres bedeutendes Amt hinzu: Als Reichsvikar lenkte August der Starke nach dem Tod von Kaiser Joseph I. für kurze Zeit die Geschicke im nördlichen und östlichen Teil des Reiches.

Eine solche Ämterfülle verlangte nach Darstellung. Hoch oben auf dem Wall- und Stadtpavillon zeigte der Bildhauer Balthasar Permoser (1651-1732) August den Starken als Herkules Saxonicus, als heldenhaften Herrscher, der sein Land, in dem die goldenen Äpfel verwahrt werden, beschützt und das gesamte Römische Reich Deutscher Nationen – hier als Weltkugel abgebildet – stützt.

Ganz Europa sollte August den Starken als Doppelfürsten und Reichsvikar würdigen. Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736) veröffentlichte deshalb 1729 ein Kupferstichwerk. Auf dem Titelblatt verherrlicht er den Anlass für den Zwingerbau: Über der wallseitigen Baugruppe sitzt auf einem Wolkenthron die königlich-polnische und kurfürstlich-sächsische Helden-Ehre. Ihre rechte Hand ruht auf einer Kugel, die das Kurfürstentum Sachsen darstellt. Sie hält Kurschwert und Staatsruder. Mit ihrer Linken weist sie auf den Plan für den Erweiterungsbau des Zwingers. Auf dem Kopf trägt sie die königlich-polnische Krone. Rechts sitzt Herkules, der Eroberer der goldenen Früchte, mit einem Orangenbaum im Arm.

Hinter der Gruppe trägt ein Engel das Banner des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit dem kaiserlichen doppelten Reichsadler. Dessen Brust zieren das königlich-polnische und das kurfürstlich-sächsische Wappen.

Umstrahlt wird das Banner von einer Gloriole, dem Symbol der Allgegenwart Gottes im alles erhellenden Licht. Sie verherrlicht die weltlich-politische Machtkonstellation, stellt die Ämterunion unter göttlichen Schutz und erhebt August den Starken selbst gleichsam zum Halbgott.

Zitrusfrüchte gehören zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Die immergrünen Bäume mit den stark duftenden Blüten und den aromatischen Früchten waren in den Bergwäldern Südchinas und an den östlichen und südlichen Ausläufern des Himalaja-Massivs heimisch. Da sie seit tausenden von Jahren erst in China und später auch in Indien kultiviert wurden, sind wilde Orangen- oder Mandarinenbäume heute nicht mehr zu finden. Der lange Züchtungs- und Ausleseprozess brachte eine nahezu unübersehbare Formenfülle mit sich. Heutzutage ist der Anbau der saftreichen Früchte mit dem hohen Vitamin-C-Gehalt in den frostfreien, sonnigen und regenarmen Regionen der ganzen Welt möglich.

Die Wanderung der Zitrusfrüchte von Ost nach West fand in Wellen statt, zunächst über die alten Handelswege, dann auch mit dem Schiff entlang der indischen Küste und über das Rote Meer und Ägypten ins Mittelmeer. Portugiesische Seefahrer brachten die Zitrusfrüchte ums Kap der Guten Hoffnung. Als letzte erreichten die Mandarinen im 19. Jahrhundert Europa, während Orangen und Zitronen schon 1493 mit Kolumbus in die neue Welt segelten.

Das mit den Zitrusfrüchten verbundene Traumbild vom Süden entstand im 15. Jahrhundert durch die Verbindung der Orangen mit dem antiken Mythos von den paradiesischen goldenen Äpfeln.

Der deutsche Name ‘Pomeranze’ leitet sich vom mittelalterlichen ‘Pomus aurantium’, goldener Apfel, ab. Die Pomeranze ist eine mehr als 2000 Jahre alte Kreuzung aus Pampelmuse Citrus maxima und Mandarine Citrus reticulata.

Die Araber brachten sie 1002 mit in das gerade eroberte Sizilien. Ihre weitere Ausbreitung im Mittelmeerraum verdankt sie vermutlich den Kreuzzügen im 12. und 13. Jahrhundert. Spätestens Mitte des 16. Jahrhunderts gelangte die Pomeranze nach Deutschland. In den Orangerien der Barockzeit war sie die am häufigsten vertretene Zitrusart.

Sowohl der deutsche Name Apfelsine, Apfel aus China, als auch das lateinische ‘sinensis’ verweisen auf China als Herkunftsland der Orange. Dieser Name entstammt vermutlich dem Sanskritwort ‘nagarunga’, woraus sich das arabische ‘narunj’, das byzantinische ‘nerantzion’ und dann das italienische ‚arancia’ ableiten.

Die Apfelsinen entstanden vermutlich aus einer Kreuzung von Pampelmusen und Mandarinen, bei der sich, anders als bei den Pomeranzen, das Erbgut der süßen Mandarinen durchsetzte. Erst im 16. Jahrhundert brachten portugiesische Seefahrer die Orangen aus China nach Europa.